Entkopplung von China?

Decoupling-Strategie

pixabay, cocoparisienne

Vor Corona war China die Fabrik der Welt und gleichzeitig einer der wichtigsten Exportmärkte für die westliche Welt. Damit stieg das Reich der Mitte in den letzten zwei Jahrzehnten zur neuen Weltmacht auf und bedrohte die Vormachtstellung der USA mit ihrer Dollardominanz. Aktuell sind wir jedoch Augenzeugen, wie die globalen Lieferketten heftig durcheinandergeraten, bisher nie gekannte Lieferengpässe auftreten und Logistik- und Rohstoffpreise explodieren. Es scheint, als ob die Globalisierung mit ihren Vorteilen der Arbeitsteilung an ihr Ende gekommen ist und eine Entkopplung von China einsetzt. Deutschland gerät dabei ein wenig zwischen China und den USA.

Lieferketten unter Feuer

Die Berichte in der Wirtschaftspresse und das Klagen der Branchenverbände über gestörte Lieferketten nehmen zu. In China schließen die größten Häfen der Welt, weil sich einige wenige Mitarbeiter mit Corona infiziert haben. Auch werden ganze Besatzungen von Containerschiffen nach wie vor unter Quarantäne gestellt. Hinzu kommt, dass Fabriken in China und Asien Corona-bedingt immer mal wieder schließen müssen. Nicht zu vergessen sind auch noch die Nachwirkungen der Havarie im Suezkanal. Das alles führt dazu, dass Schiffe, Rohstoffe, Vorprodukte und Handelswaren immer knapper und teuer werden. Wenn Holz, Stahl, Kunststoff, Mikrochips und Elektronikbauteile fehlen, gerät die Produktion auch in Deutschland in Gefahr. Temporäre Fabrikschließungen und Kurzarbeit trotz voller Auftragsbücher sind die Folge. Der bitter benötigte Aufschwung gerät in Gefahr.

Augen zu und durch

Für Entscheider im Mittelstand ist die Lage nicht einfach. Noch immer glauben viele, dass die Situation nur vorübergehend ist und eine strukturelle Änderung des sich seit vielen Jahren bewährten asiatischen Beschaffungssystems nicht notwendig ist. Nach einer aktuellen ifo-Studie planen nur 41 % der befragten Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe eine Anpassung ihrer Beschaffungsstrategie. Im Großhandel sind es mit 35 Prozent und im Einzelhandel mit 27 % noch weniger. Von einer grundsätzlichen Neuausrichtung und Entkopplung von China gehen die wenigsten aus. Zu viel steht dabei für Deutschland auf dem Spiel.
Im Vordergrund stehen daher bei den Unternehmen dann eher kurzfristige Aktionen, wie das Aufkaufen und Horten von Waren, das Chartern von eigenen Schiffen oder das temporäre Ausweichen auf europäische Produzenten. Das ist jedoch ein Vabanquespiel, wenn die Deglobalisierung doch greift. Auf jeden Fall werden die Verbraucherpreise steigen, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Produktionspreise in China selbst um rund 10 % angestiegen sind. Viele deutsche Unternehmen kündigen daher schon Preiserhöhungen an. Eine Inflationsrate von offiziell gemessenen 5 % in Deutschland zum Jahresende erscheint daher eher optimistisch. Die stark gestiegene Geldmenge im Euroraum und die zunehmende Konsumfreudigkeit in Deutschland dürften die Preise stärker nach oben treiben.

Anpassung an neue Realitäten

Doch es gibt auch einige, zumeist große mittelständische Unternehmen, die von einer dauerhaften Veränderung der globalen Lieferketten ausgehen und neue Wege suchen. Ein Szenario besteht darin, dass sich in den nächsten Jahren 2-3 große Regionalmärkte herausbilden, z. B. China/Pazifik, Europa und Nordamerika. Unternehmen wie der Pumpenhersteller WILO aus Dortmund setzen daher in diesen drei „Weltregionen“ auf mehr oder weniger autarke Produktions- und Logistiksysteme. Die Digitalisierung in den Fabriken und Logistikprozessen wird die damit verbundenen höheren Preise durch Produktivitätsfortschritte kompensieren müssen. Auch neue 3D-Druckverfahren könnten für einen Ausgleich sorgen.

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